Reisetagebuch
Grenzwechsel - 01. Maerz 2009
Fuenf Stunden Busfahrt durch die weite patagonische Steppe liegen hinter uns, als wir in Puerto Natales ankommen. An der Grenze zu Chile wurde das gesamte Gepaeck nach tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln durchleuchtet, die nicht nach Chile eingefuehrt werden duerfen. Deklariert man solche Lebensmittel nicht, kann es teuer werden. Die Gefahr, dass einem ein 200 Dollar Apfel dann im Halse stecken bleibt, gibt es allerdings nicht, denn der Zoll kassiert alle bedenklichen Lebensmittel ein. Und es kann keiner sagen, er haette nichts gewusst, denn im Bus wurde alle darauf hingewiesen. Mit einer kurzen ruhigen Handbewegung klebte der Busfahrer still und leise ein kleines 5x10cm grosses Hinweisschild(chen) neben sich aufs Armaturenbrett. Ich bin mir sicher, dass beim Fahrer ein Quentchen Schadensfreude zu sehen war, als es einen erwischt hatte.
Puerto Natales - 01. - 07. Maerz 2009
Wir kommen gut in Puerto Natales an, aber Chile heisst uns nicht wirklich willkommen. Unser reserviertes Zimmer ist
belegt, von einer Reservierung will keiner was gewusst haben und unsere Ausweichunterkunft hat ihre besten Zeiten schon lange hinter sich. Zudem ist es kalt, stuermisch und regnerisch und die Stadt genauso wenig einladend wie unser Zimmer. Gut, wir wollen nur zwei Naechte bleiben bevor wir in den Torres del Paine Nationalpark zum Wandern weiterfahren. Schlecht, dass von einem Moment auf den anderen aus zwei Naechten sieben werden koennen, wenn die uns unbekannten Bakterien Suedamerikas bei mir einen Tummelplatz gefunden haben und den hoffentlich letzten Darminfekt dieser Reise ausloesen.
Torres del Paine - 07. - 09. Maerz 2009
Nach sieben trostlosen Tagen in einer trostlosen Herberge und einer trostlosen Stadt bei trostloser Schonkost fahren wir weiter in den Torres del Paine Nationalpark. Wir haben unsere Rucksaecke fuer eine mehrtaegige Wandertour
ausgestattet. Wir packen in unsere Rucksaecke ein Zelt, zwei dicke Schlafsaecke, zwei Isomatten, einen Kocher, zwei Tassen, einen Topf, eine Wechselgarnitur an Kleidung und Essen fuer vier Tage. Eine der bekanntesten Routen durch den Park ist das "W", ein Wanderweg in Form eines Ws, der durch drei Taeler fuehrt und in 4-5 Tagen bewaeltigt werden kann. Die bekanntesten Gipfel des Parkes sind die drei Tuerme die "Torres del Paine", jedoch mindestens genauso schoen sind die drei Hoerner, die "Cuernos del Paine", die allein schon durch ihre Zweifarbigkeit, unten braun, die Spitzen weiss auffallen. Del Paine bedeutet "blau", fuer viele gequaelte Wanderer mag das Wort Paine eher Assoziationen mit dem englischen Wort "pain" ausloesen statt mit blauen Seen in allen Farbschattierungen. Vor traumhaft schoener Kulisse schlagen wir
mittags bei Sonnenschein unser Zelt am strahlend blauen Pehoe See mit Blick auf die Cuernos auf. Wir nutzen den Nachmittag um bis zum Aussichtspunkt fuer den Grey Gletscher zu laufen. Eine windige Strecke, zeitweise mit Boeen die das Gehen zum Balanceakt machen. Nach vier Stunden kehren wir zurueck zum Zeltplatz und geniessen die von der Abendsonne in sanftes gelbes Licht gehuellte Landschaft. Zwei Stunden spaeter wird es ungemuetlich, so dass wir zum kochen und Abendessen die Kochhuette unserem Zeltplatz vorziehen. Doch nicht nur draussen ist es jetzt ungemuetlich. In der Kochhuette tobt ein erbarmungsloser Kampf um die wenigen Kochstellen und Sitzgelegenheiten. Jeder gegen jeden, bloss nicht zusammenruecken auf den Baenken. Einen entspannten Campingabend haben wir uns anders vorgestellt. Zur Entspannung nach dem Kochkampf hilft nur noch ein Bier im klobigen Refugio nebenan, wo all jene schlafen, die bereit sind, fuer ein Bett im Viererschlafraum rund 40 Euro zu bezahlen. Am zweiten Tag geht es fuer uns eigentlich erst richtig los, wir starten mit unseren Rucksaecken und sind gespannt wie lange es dauert bis wir zu den gequaelten Wanderern gehoeren. Der fuer die Erkundung des Valle Francais gut gelegene Campingplatz Italiano am Fusse des mittleren Tals hat leider geschlossen. Genauso wie der zweite Campingplatz in diesem Tal. So stellen wir, als wir dort eintreffen, unsere Rucksaecke zu den vielen anderen und starten zu einer verkuerzten Erkundung des Tals, um anschliessend bis zum naechsten Campingplatz am Fusse der Cuernos
weiterzumaschieren. Den ersten Tag mit Gepaeck haben wir erstaunlich gut gemeistert. Aber schon am naechsten Tag laueft es sich nicht mehr ganz so locker, obwohl der Weg bis auf eine etwas knifflige Flussueberquerung einfach ist. Obwohl wir noch durch ein paar Fluesse mehr laufen, ist die Strecke eintoenig und der Ausblick fast den ganzen Tag der gleiche. Heute ist nicht der Weg das Ziel, sondern ganz eindeutig die Laguna Amarga, der Endpunkt der heutigen Etappe. Und hier beenden wir nach drei Tagen das Abenteuer Torres del Paine. Das dritte Tal heben wir uns fuer das naechste mal auf. Unser Fazit: Es ist schoen hier, aber lange nicht so schoen wie in El Chalten.
Puerto Natales - 09. - 10. Maerz 2009
Fuer eine weitere Nacht kehren wir zurueck nach Puerto Natales.
Typisch fuer alle Staedte, die wir bisher in Argentinien und Chile gesehen haben ist die grosse Dichte an Herumstreunenden. Vor Supermaerkten, an Busbahnhoefen, inmitten von Strassencafes, in Parkanlagen, auf Gruenstreifen, vor Hauseingaengen oder auf dem Buergersteig sieht man sie meist in kleinen Gruppen sitzen. Sie sind in den Staedten allgegenwaertig. In der Regel sind sie friedlich und man hat von ihnen nichts zu befuerchten. Nur selten werden sie laut. Aber es gibt verrueckte Hunde unter ihnen, genannt die "perros locos". Und einer ist uns auf dem Weg zu unserem Hostel begegnet. In hohem Tempo kam er uns entgegengerannt, als er zweien aus einer anderen Gruppe nachjagte. Es war so dunkel und man sah ihn kaum, ich hoerte ihn jedoch kommen. Vor Schreck blieb ich wie angewurzelt an Ort und Stelle stehen und hielt den Atem an. Sein Sprint wurde den Bruchteil einer Sekunde spaeter abrupt und schmerzvoll fuer alle Beteiligten unterbrochen. Seitdem weiss ich genau wie hart ein Hundeschaedel ist.
Punta Arenas - 10. - 14. Maerz 2009
Naeher als in Punta Arenas werden wir dem Suedpol auf unserer Reise nicht mehr kommen. An der Suedspitze des amerikanischen Kontinens gelegen sind wir nun in der suedlichsten Grossstadt der Welt angekommen. Von hier schweift der Blick auf die Magellanstrasse, eine einst bedeutende Seestrasse, die den pazifischen und den atlantischen Ozean miteinander verbindet. Jenseits der Magellanstrasse am Horizont erstreckt sich die Insel Feuerland. Und hier hat man dann schliesslich wirklich das Ende der Welt erreicht. Punta Arenas gibt sich bei weitem nicht so trostlos wie Puerto Natales. Die Strassen sind voll, Cafes und Restaurants laden zum verweilen und aufwaermen ein und die vielen Schulkinder bringen Leben in die Stadt. An ihren Schuluniformen sind sie schon von weitem zu erkennen. Die Maedchen trotz des kalten Klimas in den kuerzesten Miniroecken, die Schueler hingegen warm eingepackt in langen Hosen. Und damit alle auch brav in den Unterricht gehen und sich nicht in der Stadt rumtreiben, gewahert das hiessige kleine Einkaufszentrum allen Schuelern erst abends nach 18 Uhr Einlass.
Isla Magdalena
Ein Muss wenn man in diese Gegend kommt, ist der Besuch der geschaetzten 60.000 Paare umfassenden Pinguinkolonie auf
der Isla Magdalena in der Magellanstrasse. Wir haben das Glueck hier zu sein, bevor es die Pinguine nicht mehr sind. Nach dem Ende der Brutzeit verlassen sie die Insel und suchen waermere Gewaesser auf. Pinguinpaerchen neben Pinguinpaerchen, Bruthoehle neben Bruthoehle und dazwischen die schon gar nicht mehr so kleinen Jungpinguine die momentan ihren Flaum abwerfen um mit ihrem neuen wasserabweisenden Federnkleid bald ins Wasser eintauchen zu koennen. Uberall auf der Insel haben sich die befrackten Voegel niedergelassen, mit ausreichend Abstand zum Nachbarn, ein bisschen Privatsphaere gefaellt auch den Pinguinen. Und die wird vor allem von uns, den Touristen kurzzeitig gestoert. Und das machen uns die Voegel auch klar, kommen wir ihnen zu nahe, verdrehen sie abenteuerlich ihre Koepfe. Was fuer uns niedlich aussieht ist eine ernste Warnung. Ok, wir gehen ja schon. Nach einer Stunde und ziemlich durchgefroren ueberlassen wir den Pinguinen wieder ihre Insel.
Isla Marta
Auf der nahegelegenen Isla Marta haben sich mehrere Seeloewenfamilien und unzaehlige Komorane niedergelassen. Die Gebietsverteilung ist klar geregelt. Die Seeloewen bekommen die Plaetze am schmalen Strand und die Komorane die Aussichtsplaetze auf dem Hochplateau der Insel. Immer wieder ziehen riesige Voegelschwaerme ueber unsere Koepfe hinweg. Ein erstklassiges Schauspiel, genauso wie die herumtollenden Jungtiere der Seehunde. In der Ferne ist eine deutliche Stroemung auszumachen. Wir werden darueber aufgeklaert, das diese von unterschiedlichen Wasserstaenden zwischen Pazifik und Atlantik herruehrt, die an dieser Stelle aufeinandertreffen. So nah waren wir beiden Ozeanen gleichzeitig noch nie. Wir fahren wieder auf dem Pazifikteil der Magellanstrasse zurueck nach Punta Arenas.
Santiago de Chile - 14.- 19. Maerz 2009
Santiago ist keine Stadt die man auf den ersten Blick mag. Und auch wir tun uns schwer, Santiagos schoene Seiten zu finden. Wir sind hier vier Tage und erst kurz bevor wir weiterfliegen fragen wir uns: "Vielleicht war Santiago doch nicht so schlecht?". Wir erreichen die Stadt im dunkeln, auf der Fahrt vom Flughafen ins Zentrum erklaert uns der Taxifahrer an welchen "Sehenswuerdigkeiten" wir gerade vorbeifahren, wir verstehen nur Bruchteile, aber das stoert ihn nicht, er redet weiter und schenkt uns zum Abschied einen Stadtplan. Eigentlich ein schoener Start hier, waere nicht unser Zimmer im eigentlich schoenen Hostel fensterlos und modrig.
Unser erster Rundgang durch die Innenstadt wird zu einem einsamen Spaziergang. Es ist Sonntag und die Stadt am fruehen Morgen wie ausgestorben. Bis auf ein paar wenige Fruehaufsteher und Nachtschwaermer ist kaum jemand unterwegs. Die meisten Cafes haben noch geschlossen. Die ersten, die am Sonntag oeffnen, sind McDonalds und Co zur Mittagszeit. Die Stadt erwacht langsam, das Leben beginnt hier spaet und endet spaet. Schon frueh praesent ist jedoch die Polizei, auf die man in Santiago zu jeder Uhrzeit und ueberall trifft. Auf der Plaza del Armas ist immer ein Streifenwagen postiert. Denn der Platz ist ein beliebter Arbeitsort fuer (Klein)kriminelle. Mittags treten einige Touristen in gefuehrten Stadttouren in Erscheinung, Hunde wachen auf und jagen Autos und Radfahrern hinterher, nachmittags kommen viele Familien zum Bummeln in die Innenstadt, ein kleiner Flohmarkt laedt zum stoebern ein und inzwischen haben schon weit mehr Cafes und Restaurant geoeffnet.
Wir kommen am Praesidentenpalast vorbei und nutzen die Gelegenheit, ins Innere zu gehen. Nach Taschendurchleuchtung und Ausweiskontrolle treten wir in den rechteckigen Innenhof des Gebauedes. Von hier aus gibt es nur einen Weg, den die Besucher nehmen duerfen. Weiter in den zweiten Innenhof und auf der anderen Seite des Gebauedes wieder hinaus. Das war ein kurzer Besuch. Die Sehenswuerdigkeiten Santiagos sind schnell erschoepft, die Kathedrale an der Plaza de Armas sowie das pastellfarbene Hauptpostamt am gleichen Platz, der Praesidentenpalast "La Moneda", der wenig attraktive Fernsehturm Torre Entel, der Mercado de Central, der vorwiegend ein Touristenanlaufpunkt ist, in dem die Touristen in diverse Lokale gelockt werden. Auch der Fluss Rio Mapocho ist ein trauriger Anblick, lediglich eine dicke braune Bruehe rauscht armselig durch das betonierte Flussbett.
Eines der schoeneren Viertel ist Bellavista am Fusse des Hausberges Cerro San Cristobal. Da wundert es nicht, das der Dichter Pablo Neruda diese Gegend fuer seinen Santiagoer Wohnsitz waehlte. Tagsueber ein huebsches Viertel mit bunten Haeuserzeilen, abends und nachts das Ausgehviertel der Stadt, zahlreiche Kneipen, Cafes, Restaurants und Diskos ziehen die jungen Leute der ganzen Stadt an. Ruhig wird es erst wenn die Sonne aufgeht.
Die schoene Lage der Stadt, von allen Seiten umgeben von Bergen und Huegeln, ist auch ihr Verhaengnis. Die Abgase
ziehen nicht ab, sondern bleiben wie eine Glocke ueber der Stadt haengen und tauchen Santiago rund um die Uhr in dichten Smog. Klare Sicht gibt es nur in den Stunden nach einem Regen. Dann kann man die schneebedeckten Anden am Horizont bewundern. Wir kommen nicht diesen Genuss, sondern sehen die Berge so, wie sie die meiste Zeit zu sehen sind, als braune Schatten. Auch die Sicht vom Cerro San Cristobal ist durch den Smog getruebt. Eine gute Sicht aus der Naehe hat man indes auf Santiagos Wahrzeichen, eine 22 Meter hohe Marienstatue, die auf dem Gipfel des Cerro San Cristobal trohnt.
Langsam konnte Santiago unsere Sympathie gewinnen, aber unser Herz erobert hat ein tierischer Bewohner Santiagos. Ein ruppiger grauer Kater, der zum Hostel gehoert. Am ersten Tag zeigte er uns seine Krallen, am zweiten Tag war er zwiegespalten zwischen austeilen und streicheln lassen, am dritten Tag entdeckte er unser Zimmer, am vierten Tag war er handzahm und wartete morgens schon vor unserer Zimmertuer auf uns, am fuenften Tag mussten wir unseren neuen Freund schon wieder alleine lassen. Fuer ihn wahrscheinlich wieder ein Tag zum Krallen zeigen.
Antofagasta 19.- 20. Maerz 2009
"Keine schoene Stadt" oder "am besten ganz vermeiden" schreiben viele Reisefuehrer ueber Antofagasta, und auch viele Reisende, die aus Nordchile kamen, wollten diese Meinung nicht widerlegen. Da wir nichts Gutes gehoert haben erwarten wir nichts, sondern stellen uns auf eine Nacht in einer haesslichen Stadt ein. Dass wir Muehe hatten ein bezahlbares Hotel zu finden, dem kein Reisefuehrer die Attribute "alt" und "abgewohnt" zuspricht, erhoeht auch nicht gerade unsere Vorfreude.
Die Aussicht aus dem Flugzeug im Landeanflug war dann jedenfalls alles andere als haesslich. Neben uns breitete sich weit die Atacama Wueste aus und dann zeigte sich Antofagasta in einer spektakulaeren Lage zwischen hohen Bergen und dem Pazifik. Das Wahrzeichen der Stadt ist die "Portada" ein natuerliches Felsentor im Pazifik noerdlich von Antofagasta. Das Taxi zum Hotel stoppte fuer 10 Minuten an der eindrucksvollen Steilkueste mit Blick auf die Portada.
Eigentlich ein Ort um laenger zu verweilen, auf der einen Seite liegt der dunkelblaue Ozean mit den sandfarbenen Klifformationen, eine Kopfdrehung weiter die Atacama-Wueste und eine Koerperdrehung weiter ockerfarbene hohe Berge. Und das Sahnehauebchen waren etliche Raubvoegel die ueber den Klippen ihre Runden drehten. Ein guter Start fuer eine haessliche Stadt.
Nach einem Nachmittag in Antofagasta koennen wir bestaetigen, dass die Stadt sicher keine Schoenheitsurkunde gewinnen wird, aber ganz so schlimm ist sie auch nicht. Es gibt eine kleine Fussgaengerzone, an deren Enden man entweder die Berge oder das Meer sehen kann, und eine schoene Uferpromenade neben dem gigantischen Einkaufszentrum am Pazifik, einen interessanten Hafen mit Containerschiffen, einen huebschen gruenen Platz mit einer strahlend weissen Kirche sowie unzaehlige Bars, Restaurants und Einkaufsmoeglichkeiten. Es haette schlimmer kommen koennen.
San Pedro de Atacama 20.- 27. Maerz 2009
Die Kulisse ist neu. Kleine einstoeckige Lehmhaeuser saeumen die staubigen Wege der Stadt. Schilder schwingen vor den Tueren im Wind, der uns auch regelmaessig Staub ins Gesicht blaest. Im Hintergrund erheben sich mehr als 6000m hohe Vulkankegel. Allein die aus Wildwestfilmen bekannten Straeucher, die durch die Strasse getrieben werden, fehlen hier.
Der Inhalt von San Pedro de Atacama ist uns jedoch wohlbekannt. Restaurant neben Restaurant, dazwischen Touranbieter,
Hostels und Internetcafes. Es ist ein Touriort. Chilenisches Leben gibt es hier nicht zu beobachten, aber das ist fuer uns auch gerade zweitrangig. Nach mehreren Wochen intensiven Reisens suchen wir ein wenig Entspannung. Entgegen unserer Erwartung finden wir eine akzeptable, bezahlbare Unterkunft. Bei den Restaurants probieren wir es mit einem, das rappelvoll ist, dies ist normalerweise ein gutes Zeichen. In diesem Touriort ist es aber eine Tourifalle. Massenhaft lassen sich hier Touristen (wir auch) mit schlechtem Essen in mikrigen Portionen zu exorbitanten (=westlichen) Preisen ueber den Tisch ziehen. Eine Ecke weiter finden wir dann das Restaurant, das mit Einheimischen gefuellt ist. Dort spricht man zwar kein englisch (warum auch?), das Bier kostet weniger als einen Euro statt drei und die Portionen sind fuer eine durchschnittliche Magengroesse nicht zu bewaeltigen.
Wir lernen einmal mehr, dass man in einer Stadt wie dieser, den Reisefuehrer beiseite legen muss, denn alle dort empfohlenen Restaurants und Hostels fallen nur durch eines auf: sie greifen tief in die Reisekasse. Aber abseits gibt es genuegend Alternativen, die noch nicht korrumpiert wurden und noch nicht ohne jede Leistung das grosse Geld machen koennen. Wir schuetteln allerdings mit dem Kopf, wie andere Reisende sich anscheinend gerne erleichtern lassen, denn ohne unreflektierte Touristen, die gerne Preise bezahlen, die sie von zuhause kennen, waere diese Abzocke gar nicht moeglich. Das groesste Problem ist allerdings, dass diese Methoden Schule machen, da jeder im Dorf vor Augen gefuehrt bekommt, dass Dreistigkeit siegt.
Wir konzentrieren uns derweil auf unsere Erholung. Ein paar ruhige Tage in einer ruhigen Stadt. Dachten wir. Doch dann ziehen immer wieder die Fotos der Touranbieter unseren Blick auf sich, denn die Umgebung von San Pedro bietet einiges. Es ist der Zugangsort zur Atcamawueste, eine der trockensten Regionen der Welt, und zu einigen anderen Naturschoenheiten. Und so gibt es schon nach einem Ruhetag wieder Unruhe, denn dies wollen wir uns nicht entgehen lassen.
Tal des Todes und Mondtal - 22. Maerz 2009
Unser erster Ausflug in die Umgebung fuehrt uns zum Valle del muerte, dem Tal des Todes und dem Valle de la luna, dem
Mondtal. Nach den spektakulaeren Exkursionen in Patagonien mit Wasser in saemtlichen Aggregatszustaenden, koennte der Kontrast nun kaum groesser sein. Hier mitten in der Wueste gibt es kaum Wasser. Die Landschaft, die sich vor vielen Millionen Jahren geformt hat, besteht aus Sand und Gestein. Doch was zunaechst nach Eintoenigkeit klingt, erweist sich als extrem abwechselungsreich, denn die Gesteine setzen sich immer wieder unterschiedlich zusammen, Erosion hat viele Furchen in die Landschaft gerissen. Im Valle del muerte warten zerfurchte Felsformationen und hohe Duenen auf uns, die wir
zu unserem Vergnuegen hinunterrennen duerfen. Die Landschaft im Valle de la luna ist nicht weniger trocken, auch wenn der Name nicht ganz so erschreckend ist. Eine bizzare salzbedeckte Landschaft aus Fels und Sand erwartet uns hier. Die im Laufe der Jahrtausende entstandenen Formationen koennten nicht unterschiedlicher sein und schaffen es in ihrer Einmaligkeit und Vielfalt uns muehelos in ihren Bann zu ziehen. Zum Abschluss des Tagen erklimmen wir wie viele andere auch einen Huegel im Mondtal um die bezaubernde Landschaft im weichen gelben Licht des Sonnenuntergangs zu geniessen.
Lagunas de Altiplano - 23. Maerz 2009
Heute stossen wir zum ersten mal in die hohen Hoehen des Altiplano vor. Ziel der Tour die wir gebucht haben, sind die Lagunen Miscanti und Miniques auf 4.300 Metern Hoehe ueber dem Meer. Doch zuvor besuchen wir die Salar de Atacama, einen 300.000 ha grossen Salzsee, der Heimat verschiedener Flamingos ist. In der Laguna de Chaxa,
inmitten des Salar de Atacama, treffen wir auf einige der eleganten weiss-rosagefiederten Voegel. Das anschliessende Fruehstueck, bei dem der Blick meilenweit ueber den Salzsee bis auf die Berge am Horizont schweift, ist ein besonderer Genuss. Die waermende Sonne, die einzigartige Landschaft und ein leckeres Fruehstueck laesst unsere schon gute Stimmung noch einen Sprung machen. In San Pedro de Atacama haben wir zum ersten mal Mate de Coca auf der Speisekarte entdeckt. Und auch an diesem Morgen steht der in den Anden, sowohl bei Einheimischen als auch bei Touristen gleichermassen beliebte Tee aus den Blaettern des Cocastrauches zur Auswahl. Dass Mate de Coca gerade hier weit verbreitet ist verwundert nicht, denn neben seinen Eigenschaften Hunger, Durst und Muedigkeit zu vertreiben, hilft der Tee gegen die Hoehenkrankheit. Er erhoeht die Sauerstoffaufnahmefaehigkeit der roten Blutkoerperchen, die schon auf 3000 Metern Hoehe wegen des geringen Drucks nur zu 70-85% mit Sauerstoff gefuellt sind, statt zu 99% auf Meereshoehe. Der bei uns verbotene Tee kann hier in jedem Supermarkt industriell abgepackt in Teebeuteln erstanden werden.
Von der Lagune setzen wir unser Fahrt fort, erst auf 3200 Metern zu dem kleinen Ort Socaire, wo wir kurz stoppen um die Dorfkirche in Augenschein zu nehmen. Dann geht es weiter hinauf und irgendwann breitet sich mehrere Meter unter uns im knalligen Blau die Laguna Miscanti vor uns aus, vor einem mit schneebedeckten Vulkankegeln gesauemten Horizont. Im Kontrast zum wunderschoenen Blau der Laguune, dem blauen Himmel und den weissgrauen Vulkanen zeigt sich die Flora
als goldgelbene Grasbueschel. Wir fuehlen uns wie erschlagen in dieser perfekten Landschaftskulisse - und vor Sauerstoffmangel. Von der Laguna Miscanti geht es zu Fuss weiter zur benachbarten kleineren Laguna Miniques. Eigentlich liegt die zweite Lagune nur einen kurzen Fussmarsch entfernt, aber im Schneckentempo der Nichthoehenklimatisierten brauchen wir gute 40 Minuten bis wir schnaufend dort ankommen. Hier am Ufer wartet unser Mittagessen auf uns und kurz darauf verlassen wir den Ort auch schon. Auf dem Rueckweg besichtigen wir noch die weisse Kirche mit dem Kaktusdach in Toconao und das fruchtbare Valle de Jere, ein gruenes Tal inmitten der Wueste.
Im Nachhinein betrachtet hat uns die Hoehe ganz schoen benommen gemacht, denn die wahre Schoenheit der Lagunas Altiplanos haben wir erst fasziniert und erschrocken auf unseren Fotos gesehen.
Ein Ausflug zu den Sternen - 25.Maerz 2009
Der schoene chilenische Nachthimmel hat uns verfuehrt. Millionen von glitzernden Sternen ueber uns koennen wir nicht widerstehen und buchen wie 24 weitere Sternengucker bei "Space" einen Ausflug zu den Sternen. In der Dunkelheit einer Neumondnacht koennen wir in der Atacamewueste den Himmel ueber uns ohne die stoerenden Lichter unserer Zivilisation betrachten. Wir werden nach einer kurzen Busfahrt von Alexandra empfangen, die in den naechsten Stunden versuchen will, uns den Sternenhimmel naeherzubringen. Die wichtigsten Sternbilder und Sterne der Suedhalbkugel sind schnell erklaert, also "Que mas, chicos?". Eine Frage die nach jedem Sternbild fiel. Es bleibt also noch Zeit sich mit dem Himmel ueber der Nordhalbkugel auseinanderzusetzen. Dass wir den von hier nicht sehen koennen stoert Alexandra wenig. Mit Hilfe eines Laserpointer zeigt sie uns an welchen Punkten des Himmel wir zu welcher Uhrzeit welchen Stern auf der Nordhalbkugel sehen koennen. Fuer alle Herkunftslaender der Gaeste. Hier ist sie genau. Denn es macht nun mal einen Unterschied ob man an der Nordsee steht und den Nordstern sucht oder in Spanien. Ein paar Grad zumindest.
Der Theorieteil ist beendet. Jetzt beginnt die Praxisstunde. Sieben Teleskope warten darauf benutzt zu werden und 24 Teilnehmer warten darauf endlich den Saturn mit seinen Ringen erspaehen zu koennen. Alexandra erklaert das erste Teleskop und es bildet sich eine geduldige Schlange davor. Tja, che mas, chicos? Zwei Sternengucker konnten schon einen Blick auf den Saturn werfen, auch wenn der erste sogleich verkuendete "I'm really disappointed", da springt Alexandra schon zum naechsten Teleskop "Here chicos, here you can see the alpha centauri", und ist sichtbar disappointed als ihr keiner folgt. Denn alle wollen den Saturn sehen. "Hola, chicos, come here". Inzwischen haben schon fuenf Leute den Saturn gesehen und folgen Alexandra. Sie beruhigt sich wieder, ist zufrieden und erklaert den Fuenfen das naechste Teleskop. Uns so wiederholt sich das Schauspiel von Teleskop zu Teleskop und am Ende hat keiner einer Ahnung was er wo sehen kann. Aber Alexandra hechtet nun im Kreis, um die Unwissenden kurz zu informieren und mit einem Blick durch jedes Telekop sicherzustellen, dass ihr die Sterne in den letzten fuenf Minuten nicht abgehauen sind. So ist sie nach einem "Let me check" die Person des abends die am hauefigsten durch alle Teleskope geschaut hat. Und die Sicht durch diese war uebrigens wirklich "disappointed". Nach einer Stunde gesellte sich Alain, ihr Mann zu uns. Meine Hoffnung durch ihn koennte die Veranstaltung an Qualitaet gewinnen, fiel schnell in sich zusammen. Der Mann, der sich offensichtlich ausgezeichnet mit den Sternen auskennt, zieht es vor, den Abend ueber Witze zu erzaehlen und Sprueche zu reissen, statt sein Wissen mit uns zu teilen. Zu unserer Enttaueschung, aber ganz zum Vergnuegen der anderen Teilnehmer. Aber immerhin erklaert er uns noch einmal die Sternbilder, die uns seine Frau vorhin schon erklaert hat. Dann werden wir alle in sein Haus gebeten, wo wir uns im Kreis hinzetzen. Wir sind sehr gespannt, was nun kommt. Nun es kommt nichts. Wir sind nur nach drinnen gebeten worden, damit man uns fragen kann, ob wir nachher Cafe, Tee oder Kakao trinken wollen. Als das geklaert ist, werden wir wieder nach draussen geschickt. Nun gibt Alain doch noch sein Wissen zum besten: "Also die Erde ist eine Scheibe, nein aeh, die Erde war eine Scheibe, nein aeh, die Leute dachten frueher die Erde sei eine Scheibe." Dies gab uns den Rest. Von hier an stellten wir uns taub. Die Highlights muessen dann in den folgenden 10 Minuten gekommen sein, bevor alle wieder nach drinnen gebeten wurden um ein Heissgetraenk zu trinken. Denn eine Teilnehmerin aus England, die im selben Hostel wie wir wohnt, antwortete uns auf die Fragen wie sie denn den Abend fand mit "AMAZING".
Und das Fazit: Diese Tour war teurer als alle anderen Touren die wir gemacht haben, dafuer die einzige mit richtig mieser Qualitaet. Unser Tip: Man suche sich einen Ort mit vielen Touristen und wenig Lichtquellen, kaufe ein paar billige Teleskope und verdiene sich mit vier Stunden Arbeit am Tag eine goldene Nase und fuehre die restliche Zeit ein entspanntes und sorgenfreies Leben.
Wir kehren noch einmal nach Argentinien zurueck. Wer die Artikel in chronologischer Reihenfolge lesen moechte, der wechselt an dieser Stelle auf die Argentinien Seite