Reisetagebuch
Grenzwechsel - 16. April 2009
Mit dem Grenzwechsel von Argentinien nach Bolivien ueberschreiten wir die Grenze zu einer anderen Welt, wir kommen in einem der aermsten Laender Suedamerikas an und in einem zweigeteilten Land. Rund 7 Millionen Indigene, das sind rund 2/3 der Bevoelkerung, leben im unwirtschaftlichen Altiplano, einer kargen baumlosen und windigen Ebene, die sich in weiten Teilen ueber 4000 Hoehenmeter erstreckt. Der Grossteil der indigenen Bevoelkerung lebt in einfachen Lehmhuetten ohne Heizung, in denen es nachts im Altiplano bitter kalt wird. Wohingegen im fruchtbaren Tiefland vor allem Mestizos (indigener und spanischer Elternteil), Europaeer und andere leben. Diese Spaltung tritt spaetestens seit der Wahl Evo Morales zum Praesidenten - dem ersten indigener Abstammung - offen zutage. Das Tiefland versucht sich vom Rest des Landes abzuspalten und hier wie auch in der konstitutionellen Hauptstadt Sucre ist der Praesident nicht gern gesehen.
Die Grenze zu Bolivien ist sehr belebt und ein bedeutender Warenumschlagsplatz. Statt Lastwagen oder Handkarren werden menschliche Lastentraeger eingesetzt, die tagtaeglich zwischen Argentinien und Bolivien hin und her laufen. Ihre Ruecken sind so schwer beladen, dass sie auf dem Weg nach Bolivien in die Knie gehen und auf ihrem Weg zurueck ohne Waren schnellen aber beschwerten Schrittes unterwegs sind. Auch an den Grenzkontrollen ist einiges los. Unergruendlicherweise muessen wir uns nicht an einer schier endlosen Schlange anreihen sondern duerfen direkt unsere Ausweise am Schalter vorzeigen und passieren.
Die bolivianische Grenzstadt Villazon zeigt sich belebt und freundlich. Auf dem Weg von der Grenze zur Busstation muessen wir an einer belebten Hauptstrasse den Hang hinauf, an der sich viele kleine Haendler, Souvenirgeschaefte, Cocaverkauefer und Wechselstuben (denn Bolivianos kann man nicht in Argentinien tauschen) befinden. Da wir uns hier auf 3500 Hoehenmetern befinden, sind wir froh als wir mit unseren Rucksaecken endlich oben an der Busstation ankommen. Der naechste Bus geht erst in drei Stunden, also warten wir geduldig und machen Bekanntschaft mit anderen Reisenden. Darunter zwei niedergeschlagene Israelis, denen fruehmorgens am Busbahnhof ein Rucksack mitsamt Kreditkarte, Fotoapparat und Urlaubsbilder geklaut wurde, und einem wahrhaft langzeitreisenden japanischen Paerchen, die nun schon seit 20 Monaten unterwegs sind und nicht genug kriegen koennen. Die drei Stunden Wartezeit vergehen so wie im Flug.
Der riesige Bus, der uns nach Tupiza bringt, besteht vor allem aus vielen Gepaeckfaechern, in denen Unmengen von Lasten geladen werden, bis endlich auch unsere Rucksaecke an der Reihe sind. In knapp drei Stunden Fahrtzeit auf extrem staubreichen Strassen gelangen wir nach Tupiza, wo wir mit uns und unseren Rucksaecke erst mal eine Ladung Staub in unser Hotelzimmer befoerdern.
Tupiza - 16. - 19. April 2009
Wir treffen in dem gepflegten Ort Tupiza ein. Tupiza ist relativ klein und kann problemlos zu Fuss abgelaufen werden. Es gibt den ueblichen begruenten viereckigen Platz in der Ortsmitte mit angrenzender Kirche, ein Marktgebauede und
einmal in der Woche einen Kraemermarkt in den Strassen. Naehert man sich dem Ortsrand werden die Behausungen einfacher und die Strassen staubiger. Laesst man die Stadt ganz hinter sich, befindet man sich sofort in eindrucksvoller bergiger Natur - wenn nur der ganze Muell und der dazugehoerige Gestank nicht waere. Je weiter wir uns von der Stadt entfernen, umso kleiner wird der Muellberg bis er ganz verschwunden ist. Wir richten unser Augenmerk auf rote Felsen, Felsnadeln, Felstore, riesige Kakteen, unbekannte Flora (vor allem Baueme und Straeucher) und bekannte Fauna (streunende Hunde) bis wir nach zwei Stunden am Eingang zur Incaschlucht stehen, die bei gutem Wetter und mit einigen Klettereinlagen durchquert werden kann. Doch wir kehren hier um.
Schon in Argentinien wurden wir gewarnt, in Bolivien vorsichtig zu sein wo und was wir essen. Es wurde uns geraten am besten selber zu kochen. So sind wir etwas verunsichert wo wir unbesorgt essen gehen koennen. So ernaehren wir uns die ersten drei Tage in Bolivien von gut durchgebackener Pizza, und auch das Fruehstuecksbuffet im Hotel bereitet uns keine Probleme. Vielleicht war die Warnung doch etwas uebertrieben? Die naechsten vier Tage werden wir jedenfalls essen, was aufgetischt wird, denn morgen starten wir zu einer Jeeptour quer durchs Altiplano zur Salar de Uyuni - einschliesslich Vollverpflegung.
Tour zur Uyuni - 19. - 22. April 2009
Vier Tage gehen wir auf Tour von Tupiza nach Uyuni. Es geht durch eine kunterbunte und spektakulaere Landschaft. Uns bleibt zwischendurch die Luft weg, auch weil wir uns teilweise auf 5000m bewegen. Und die Naechte werden hart, die Temperaturen fallen von tagsueber 20 auf -18 Grad und lassen die Lagunen und Baeche fuer wenige Stunden zufrieren. Doch die rauen Bedingungen sind nebensaechlich, denn dafuer ist die Natur hier viel zu schoen. Was wir alles in dieser kurzen Zeit gesehen haben? Eine kleine Zuasammenfassung.
Tag eins -
Roter Boden, dichtes, dunkles Gruen. Braune Felsen, gruene Kakteen. Knallblauer Himmel, weissbraune Lamas, graue Esel, dichtes, helles Gruen. Karge Landschaft, spaerliches Gruen. Roter Boden, tiefgruenes Moos. Graue Berge, weisse Kuppen.
Tag zwei -
Graue Landschaft, knallblaue Lagune, rosa Flamingos, weisses Salz. Kaltes Eis. Heisse Quellen. Hell- und dunkelbraune Duenen, rotweisse Berge. Eine milchigblaue Lagune vor dunkelbraunen Huegeln. Blubbernde Geysire, grau und rot.
Tag drei -
Braune Landschaft mit braunem Baum. Aus Stein. Blaue Lagunen, gruenes Gras, schneebedeckte Berge. Braunschwarzes Lavafeld, rauchender Vulkan.
Tag vier -
Weiss. Endloses weiss unter knallblauem Himmel. Sagenhaft! Unbeschreiblich!
Stop! - Halt! - Ende!
Wir sind erschoepft vor lauter Eindruecken. Das muessen wir erst einmal verarbeiten.
Uyuni - 22. - 23. April 2009
Muede, erschoepft und mit der Sehnsucht nach einem schoenen Zimmer und einer heissen Dusche erreichen wir nach vier Tagen Uyuni, eine kleine Stadt am Rande des Salar de Uyuni. In der Jugendherberge finden wir auf Anhieb ein Zimmer.
Statt eines eigenen Bades muessen wir jedoch mit stinkenden Gemeinschaftsduschen und strikten Duschregulierungen vorlieb nehmen. Acht Minuten heisses Wasser pro Tag sind im Zimmerpreis inbegriffen. Viel zu sehen gibt es in Uyuni nicht und so bleiben wir auch nur eine Nacht bis wir nach Sucre weiterfahren. Wir konnten noch zwei Bustickets mit der einzigen Busgesellschaft (6.Octubre), die eine Direktverbindung nach Sucre ohne Umsteigen anbietet fuer den naechsten Morgen bekommen. Neun Stunden dauert die Fahrt, die ohne Reifenpannen und mit nur einer einzigen Toilettenpausen ablaueft. Nach fuenf Stunden erreichen wir Potosi, und alle sind froh endlich die Gelegenheit zu haben im Busbahnhof eine Toilette aufzusuchen. 20 Minuten Pause, erklaert mir der Busfahrer, als ich ihn frage, wann es weitergeht. Umso ueberraschter sind wir als schon nach 15 Minuten der Motor angeht und der Bus Sekunden spaeter losfaehrt. Es ist auf einmal sehr leer im Bus, die meisten Sitze sind unbesetzt, obwohl Jacken etc. auf den Plaetzen liegen. Dass noch Passagiere fehlen, stoert den Fahrer nicht. Die Aufforderungen, auf die anderen Fahrgaeste zu warten, ignoriert er. Er setzt seelenruhig seine Fahrt fort. Einige Passagiere schaffen es, an der Terminalausfahrt den Bus anzuhalten und steigen fluchend zu. Es stellt sich heraus, dass der Fahrer jedem andere Pausenzeiten genannt hat. Manche gingen deshalb von einer halben Stunde aus. Die Stimmung ist merklich angespannt und uns beschleicht das ungute Gefuehl, dass einige Fahrgaeste fehlen. Doch auch erneute Forderungen, noch zu warten, bleiben unerhoert.
Sucre - 23. April - 26. Mai 2009
Nach der ersten Nacht in Sucre, die wir wegen unserer spaeten Ankunft direkt in einem Hotel am Busbahnhof
verbrachten, finden wir am naechsten Morgen ein freundliches Hostel in der Naehe des Centrums. Hier bleiben wir zehn Tage, bis uns der nicht vorhandene Zimmerservice (es gibt keine frischen Handtuecher, kein neues Klopapier, keiner der den Muell leert, niemand der sauber macht) und das ungeniessbare Fruehstueck mit kalten harten Toastscheiben hier vertreiben. Zudem hatte es Markus boese mit einem Magen-Darm-Infekt erwischt hat, so dass wir allein schon wegen ungeputzter Baeder dringend einen Tapetenwechsel brauchen.
Einige Strassen weiter finden wir mit dem Hostel Dolce Vita gleich ein kleines Paradies. Es gibt einen huebschenInnenhof, Liegestuehle, zahlreiche Sitzgelegenheiten, eine gut ausgestattete saubere Kueche sowie grosse Zimmern mit Holzboeden und Bad. Und das erste mal seit unserer Reise haben wir einen grossen Esstisch in unserem Zimmer, ueber den wir uns sehr freuen. Das ist schon reinster Luxus. Zudem gibt es einen tadellosen Zimmerservice und einen verschmusten Siamkater, der regelmaessig und lautstark seine Streicheleinheiten bei uns einfordert. Wir fuehlen uns hier so wohl, dass wir gar nicht weiterreisen wollen, und am Ende sind es viereinhalb Wochen, die wir in Surcre verbringen. Drei Wochen gingen wir brav zur Schule und bueffelten Spanisch. Dadurch bekamen wir nach langer Zeit wieder ein Gefuehl fuer Alltag, das wir schon gar nicht mehr kannten, und hier sehr genossen haben.
Sucre, die Hauptstadt Boliviens, wird auch die Weisse Stadt genannt, da im Zentrum (fast) alle Gebauede einen weissen
Anstrich haben. Schon seit Wochen wird alles neu gestrichen und die Gebauede strahlen noch weisser im Sonnenlicht. Der Hauptgrund ist aber nicht, dass es mal wieder Zeit war zu streichen, denn viele der Gebauede zeigetn sich in einem durch die massiven Abgase verursachten grauen Schleier. Die Luft in den Strassen Sucres wird tagtaeglich mit viel zu vielen Abgasen von uralten Busse und Autos verpestet. Man kann regelrecht dabei zuschauen, wie die Stadt ergraut. In dicken schwarzen Rauchwolken entweichen die Stinkbomben gleichenden Abgase den Autos und huellen gnadenlos alle Haeuser und Fussgaenger ein. Fuer kurze Zeit wird Sucre nun wieder in reinstem Weiss erstrahlen, zumindest solange bis die Autos wieder die Oberhand gewinnen. Anlass der umfassenden Verschoenerungsaktion ist die Unabhaenigkeitsfeier am 25.Mai, die sich in diesem Jahr zum 200sten mal jaehrt. Je naeher der Termin rueckt, umso mehr Manner mit weissen Farbeimern und Pinseln sehen wir und umso haeufiger ziehen probende Musikkapellen durch die Strassen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht von frueh morgens bis spaet abends Musik zu hoeren ist. Fast immer erklingt ein und dasselbe Lied, dessen Melodie sich bereits in unseren Koepfen festgesetzt hat. Die ausdauernden Proben gipfeln in den dreitaegigen Feiern zum Bicentenario. An diesen drei Tagen gab es mindestens einen, meist zwei Strassenumzuege am Tag, die von Tag zu Tag laenger dauern. Schon morgen zwischen acht und zehn setzen sich die ersten
Gruppen in Bewegung. Neben den Musikkapellen (die den interessantesten Part ausmachen) sind alle Schueler der Stadt, einschliesslich der Kollegien verpflichtet worden beim Umug mitzulaufen. Dementsprechend gelangweilt und missmutig ziehen die Schueler in ihren Schuluniformen, eingeschlossen zwischen den Musikkapellen durch die Strassen. Einige versuchten sich die Zeit mit ihrem Mp3-player zu verkuerzen, andere sich mit schwarzen Sonnenbrillen unsichtbar zu machen. Die Hauptumzuege an den letzten beiden Tagen zogen sich schliesslich ueber sechs Stunden in brennender Sonne hin, so dass nur die haertesten Zuschauer alles von Anfang bis Ende verfolgten. Zudem war die Abwechslung gering, da alle Umzuege stets aus vielen gelangweilten Schuelern und leider zu wenig Musikkapellen bestanden. Jetzt wird es wieder ruhiger werden in den Strassen von Sucre, vom Verkehr abgesehen, und mit dem letzten Klang der Musik verlassen auch wir die Stadt. Etwas traurig, denn wir werden unser schoenes Zimmer, leckerste Schockolade aus Sucre, das angenehme Klima und das schoene Stadtbild vermissen.
Potosi - 26.- 28. Mai 2009
Aus dem warmen Sucre fahren wir wieder hinauf ins kalte Altiplano. Unser Ziel ist die 112.000 Einwohner zaehlende Stadt Potosi auf 4070 Metern Hoehe. Viel zu hoch fuer uns, wie wir beim Fussmarsch bergauf vom Busbahnhof zum Hotel
mal wieder feststellten. Atemlos und mit Herzrasen, stehen wir schliesslich doch oben am Huegel und im Zentrum
Potosis. Haesslich und viel zu kalt, ist die Meinung des reicheren Sucres ueber Potosi. Kalt ist es wirklich und mit Sucre kann es auch nicht mithalten. Aber haesslich ist es nicht. Wir besichtigten die Kirche San Fransico, von deren Turm wir eine feine Sicht ueber die Stadt hatten sowie die beiden grossen Plaetze in der Innenstadt. Beruehmt ist Potosi jedoch fuer den Cerro Rico, den alles ueberragenden Berg, der frueher Silbervorkommen verbarg und wo heute noch Zink, Wolfram, Zinn und Blei abgebaut werden. Wer frei von Klaustrophobie ist, kann sich in die Minen begeben und die harten Arbeitsbedingungen am eigenen Leib erfahren.
Die Minen von Potosi - 27.Mai 2009
Unsere Touren haben uns an viele schoene Plaetze der Welt gefuehrt. In Potosi ist es anders. Blieb uns in vielen Laendern der Blick auf die bittere Realitaet verborgen, so ist es hier so, dass diese durch eine Tour buchstaeblich zu Tage befoerdert wird. Denn eine der populaersten Touren fuehrt in die Minen des Cerro Rico direkt oberhalb der Stadt, aus denen seit mehr als 400 Jahren unter widrigen Bedingungen Silber und andere Metalle herausgeholt werden. Wurden diese von den Spaniern noch ausgepluendert, so begeben sich heute die Menschen aus Not oder Gluecksrittertum in eine gesundheitsgefaehrdende Umgebung - die Lebenserwartung eines Mineros liegt bei knapp 50 Jahren.
Bevor es unter Tage geht, passieren wir den speziellen Bergarbeitermarkt, wo es alles zu kaufen gibt, was man unter
Tage benoetigt. Dazu gehoeren in erster Linie Kokablaetter und dazu Alkaloide, die fuer eine bessere Aufnahme sorgen. Das Koka sorgt nicht nur fuer eine hoehere Sauerstoffaufnahme in der stickigen Luft, es wirkt auch saettigend. Die Mineros koennen auf Nahrung verzichten, die aufgrund der Umgebung vermutlich auch schnell mit Schwebeteilchen bedenklich angereichert waere. Weitere uebliche Angebote sind 96%iger Alkohol und Zigaretten. Eine Besonderheit des Marktes ist, dass hier alle Geschaefte legal Dynamit verkaufen duerfen. Der Markt wird nicht zufaellig angesteuert, denn als Gegenleistung dafuer, dass Touristen den Mineros auf die Pelle ruecken, werden ihnen Geschenke gemacht. Als ich mit meiner Tuete Dynamit und Kokablaettern durch die Gegend laufe, kommt bei mir die Frage auf, zu wie vielen Jahre man dafuer wohl in Deutschland verknackt wird!?
Lange habe ich gezoegert, diese Tour zu machen, denn sie hat den Anruch von Sensationstourismus. Ich bin dankbar dafuer, alleine mit einem Guide durch die Stollen laufen zu koennen, denn meine Horrorvorstellung war eine riesige Touristengruppe, die das Gefuehl aufkommen laesst, in einem Menschenzoo gelandet zu sein.
Wir gehen hinein. Beim Anblick der teils abenteurlichen Stuetzkonstruktionen kommen neue Zweifel auf, aber die sind jetzt nicht erwuenscht. Wir waten entlang eines Gleises durch das Wasser und laufen einige hundert Meter in die
Dunkelheit hinein. Von der Ferne hoert man ein Rumpeln, das immer lauter wird. Dann taucht zunaechst ein Lichtschein und wenig spaeter eine mit Steinen vollgepackte Lore auf, die von drei Maennern hinausgeschoben wird. Eine Knochenarbeit. Schon kurze Zeit spaeter kehren sie mit der leeren Lore zurueck. Sie werden uns noch mehrfach ueberholen. Wir gehen weiter und ich verspuere einen deutichen Anstieg der Temperatur und auch das Atmen faellt deutlich schwerer, da die Luft duenner und der Staubgehalt dichter wird. Links und rechts gibt es immer wieder Abzweigungen oder Abstiege, die noch schlechter gesichert sind, als der Hauptweg. Waehrend wir hier noch halbwegs gerade stehen koennen, kann man dort nur noch kriechen oder sich hindurchzwaengen und die Luft wird auch nicht besser. Neben den Abzweigungen sieht man auf gut einem Meter Hoehe immer wieder Holzkonstruktionen, die zur Decke reichen. Sie dienen dazu, das Gestein in die Loren zu befoerdern.
Wir gehen gut 1,5 km in den Berg hinein, bis wir am Ende des Hauptganges eine Gruppe Mineros treffen. In diesem spaerlich mit ihren Helmlampen erleuchtetem Platz ist die Luft so staubig, dass ich mittlerweile gerne die Papieratemmaske benutze, die mir vorher in die Hand gedrueckt wurde. Reiner Luxus, den man bei keinem der Arbeiter sieht. Sie atmen alles ungefiltert ein, waehrend sie mit der Spitzhacke Gestein herausschlagen. In diesem Teil des
Stollens gibt es zwar auch Pressluft, aber die Investition von 10 Dollar pro Stunde ist viel zu hoch, als dass diese regelmaessig eingesetzt wird. Aber das Dynamit wird dankbar angenommen. Da ich allein mit einem Guide unterwegs bin, bleibt viel Zeit fuer Erklaerungen und ein paar persoenliche Fragen. Und man lernt ein paar Regeln des respektvollen Umgangs. So begruesst und verabschiedet man Mineros stets mit einem zusaetzlichen "Jefe" (Chef).
Die Situation in den Minen hat sich durch die Finanzkrise stark veraendert. Arbeiteten vor einem Jahr noch mehr als 15000 Menschen in den Minen, sind es jetzt weniger als 5000, denn die gefallenen Rohstoffpreise koennen nicht mehr so viele Menschen ernaehren. Und fuer ihren Knochenjob in lebensfeindlicher Umgebung muessen sie zudem einen hohen Preis bezahlen.
Nach ca. zwei Stunden sind wir wieder am Ausgang und ich habe einen kleinen Eindruck in das harte Leben der Mineros bekommeen. Schwerer wiegen fuer mich allerdings die nakten Fakten, wie eine deutlich verringerte Lebenserwartung. Zudem habe ich einen Eindruck bekommen, welche fatalen Auswirkungen die ungezuegelte Finanzspekulation und deren Totalcrash in einem Land haben, das keine staatlichen Millardenprogramme auflegen kann.
Oruro - 28.- 29. Mai 2009
An Karneval steppt hier der Baer. Der schoenste Karneval in ganz Bolivien wird in der Grosstadt Oruro gefeiert. Die buntesten Kostueme, Masken und Taenze locken jedes Jahr so viele Besucher an, dass die Hotelbetten knapp werden. Doch
Karneval ist schon eine Weile vorbei als wir in Oruro eintreffen. Von Froehlichkeit ist zu dieser Jahreszeit hier nichts zu spueren. Wir kommen in einer tristen, haesslichen und dreckigen Stadt an. Nicht ein einzigen Foto ist hier entstanden, denn es gab nichts Schoenes zu sehen und es ist generell alles andere als angenehm hier. Oruro war nur eine Zwischenstation fuer uns, um tagsueber nach La Paz reisen zu koennen. Mit einem der Nachtbusse, die laengere Strecken zuruecklegen haetten wir La Paz ohne Zwischenhalt erreicht, aber wir bevorzugen das Reisen am Tag. Erleichtert verlassen wir Oruro am naechsten Morgen und nehmen die letzte Etappe nach La Paz in Angriff.